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Aggressionen bei Kindern und Jugendlichen


Im alltäglichen Sprachgebrauch verbinden wir mit Aggressivität die Vorstellung von Feindseligkeit, Brutalität, Gewalt. Diese Einengung ist nicht korrekt, denn das lateinische Wort adgredi - von dem leitet sich das Wort Aggression ab - bedeutet an etwas Herangehen, etwas in Angriff nehmen. Wenn man ein Problem oder eine Aufgabe in Angriff nimmt, kann das durchaus positiv sein. Ein Kind das völlig aggressionslos wäre, wäre lebensuntüchtig. Um etwas zu erreichen, um zu überleben, muss das Kind an die Dinge herangehen, muss es die Schwierigkeiten in Angriff nehmen. Die Kraft der Aggression dient zur Umsetzung unserer Wünsche und Ziele, sie hilft uns unsere Rechte, unseren Besitz bei Bedarf zu verteidigen. Aber es gibt natürlich auch die feindselige Aggression. Ein gewisses Maß an Feindseligkeit ist unvermeidbar, denn in jeder Familie kommt es zu Enttäuschungen und zur Ablehnung von Wünschen. Den Gefühlen von Feindseligkeit liegt meistens die Erfahrung von Schmerz zugrunde. Welches Kind wird nicht wütend, wenn ihm seine vermeintlichen oder tatsächlichen Rechte vorenthalten werden? Welche Eltern können behaupten, sie hätten ihr Kind nie zum Kuckuck gewünscht? Den Umgang mit Aggressionen lernen die Kinder zuerst in der Familie. Wenn ein Kind nur Pflichten und keine Rechte hat, wird es sich auflehnen. Wenn die Eltern kein Verständnis haben, keine Zeit haben für die Bedürfnisse und Nöte des Kindes, wird es sich auflehnen. Freilich so lange die Kinder klein sind, können die Erwachsenen willkürlich mit ihnen verfahren. Was kann ein Kind schon machen, wenn es der Vater packt und nach Hause trägt? Es kann sich wehren, weinen, schreien...aber es wird ihm nichts nützen, wenn der Vater keine Einsicht zeigt. Umgekehrt, wenn Eltern immer nur beschwichtigen, jede Auseinandersetzung meiden, keine Grenzen setzen, riskieren sie, dass die Kinder lebensuntüchtig werden.
Neben der Familie erziehen auch die Gesellschaft und die Medien unsere Kinder. In den Nachrichten, in den Unterhaltungssendungen hören und sehen die Kinder wenig von guten Taten, dafür beinahe täglich von Betrug, Gewalt, Mord und Krieg. Die Verkehrsunfälle passieren meistens, weil aggressiv gefahren wird. Die erschreckend hohe Selbstmordrate belegt, wie viele Personen die Aggression gegen sich selbst richten. Kinder lernen durch Beobachtung und was Kinder sehen und erleben - in der Familie, am Spielplatz, in der Schule, in den Medien - ist  aggressives Verhalten. Kinder lernen auch am Erfolg. Und was sehen und erleben Kinder? Erfolg hat, wer sich durchsetzt, wer aggressiv ist, wer sich nichts gefallen lässt.
Wenn ein Kind ihrer Meinung nach zu aggressiv ist, beobachten sie,  wann es ausrastet  und fragen sie das Kind, was vorher passiert ist. Wenig hilfreich sind dabei Warum-Fragen, weil sie eine Rechtfertigung nahe legen. Das überfordert kleine Kinder.
Kleine Kinder können sich oft in Wutanfälle hineinsteigern. Wir Erwachsene kennen feste Spielregeln für Proteste, die wir selbst im Zorn nicht außer acht lassen. Kinder müssen diese Regeln erst lernen. Je jünger sie sind, desto hilfloser sind sie ihren eigenen Emotionen ausgeliefert. Es hat keinen Sinn auf ein heftig trotzendes Kleinkind einzureden. Es kann gar nicht zuhören. Eltern können nichts tun als abzuwarten, bis sich der Sturm gelegt hat. Zeigen sie dem Kind, dass sie ihm den Ausbruch nicht Übel nehmen. (Das heißt nicht, dass sie nachgeben sollten. Das ist von der Sache her oft nicht möglich, oft auch pädagogisch unklug. Das Kind könnte später, wenn es sich schon beherrschen kann, die Wutanfälle gezielt einsetzen, um sein Ziel zu erreichen.) Nach einem Trotzanfall ist das Zärtlichkeitsbedürfnis des Kindes oft sehr groß, es möchte sich vergewissern, dass die Bindung an Vater oder Mutter durch diesen Vorfall keinen Schaden genommen hat. Geben sie diesem Bedürfnis nach und nutzen sie die Situation nicht, um ihrem Kind gute Vorsätze für die Zukunft zu entlocken. Es kann sie noch nicht einhalten. Nach und nach lernt das Kind, Regeln einzuhalten. Bestimmen sie als Eltern nicht die Regeln, sondern handeln sie sie aus, beachten sie auch das Temperament ihres Kindes und gestatten sie dem Kind Ventile für die Wut, ob das nun Türen knallen, schimpfen oder auf den Tisch hauen ist. Schimpfwörter verletzen nicht so wie Gegenstände. Wenn sie selbst im Ärger oder Zorn handgreiflich werden, sollten sie sich entschuldigen und die Gründe mit ihrem Kind besprechen. Nur so bieten sie ihm ein annehmbares Beispiel für das Bemühen, eine nicht verhandelbare Grenze einzuhalten, nämlich die körperliche Unversehrtheit des Nächsten.



Dr. Franz Linter